Wie Sie mit Sprache Bilder im Kopf beeinflussen können

Worte wirken! Doch ihre Macht wird häufig unterschätzt. Dabei können wir mit Worten Vorstellungen erzeugen und Meinungen bilden. Deswegen zeigen wir Ihnen heute an einem ganz konkreten Beispiel, warum Sie mit Sprache sensibel umgehen sollten.
Bestimmt haben Sie folgende Formulierungen auch schon mal gelesen, oder? "Er ist an den Rollstuhl gefesselt.", "Sie leidet an Muskelschwund." oder auch "Trotz seiner Behinderung lächelt er viel". Nun denken sie vielleicht: Ja und? Was ist jetzt damit? Stimmt doch auch.
 
Und genau das ist das Problem!
 
Worte haben Einfluss, denn Sprache ist mächtig. So mächtig, dass unsere Wortwahl etwas in den Köpfen von anderen bewirken kann – in positiver und negativer Hinsicht. Mit Worten formen wir Vorstellungen von Dingen. Oder wir beschreiben damit Menschen. Doch wenn regelmäßig und vor allem mit großer Reichweite, beispielsweise in den Medien, Worte gewählt werden, die eigentlich ein falsches Bild von den beschriebenen Menschen konstruieren, dann setzen sich diese Bilder in den Köpfen der Menschen fest. Und solche über lange Zeit gefestigten Denkmuster wieder aufzubrechen, ist gar nicht so einfach.
 

Doch warum erzähle ich Ihnen das eigentlich?

Seit inzwischen sechs Jahren arbeite ich hauptverantwortlich in der Online-Redaktion des Portals REHACARE.de. Hier schreibe ich vor allem über und für Menschen mit Behinderung oder Pflegebedarf – sowie ihre Angehörigen und Menschen, die mit ihnen arbeiten.

Als ich als Volontärin in die Redaktion kam, hatte ich kaum eine Vorstellung davon, welchen Einfluss meine Art mich auszudrücken darauf hat, wie andere Menschen das Thema "Behinderung" wahrnehmen; wie sie sich davon ein Bild machen. Doch ich lernte schnell: Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob jemand "an einer Krankheit oder Behinderung leidet" oder ob "er sie einfach hat" oder "mit ihr lebt".

Wenn ich in einem Artikel einen Rollstuhlfahrer beschreibe, schreibe ich nicht mehr: "Er ist an den Rollstuhl gefesselt, weil er an Multipler Sklerose leidet." (Ich habe es nie nachgeprüft, aber ich kann es zumindest nicht sicher ausschließen, dass ich in meinen Anfängen nicht auch solche Formulierungen gewählt habe.)

Heute schreibe ich sinngemäß: "Um selbstbestimmt von A nach B zu kommen, nutzt er einen Rollstuhl. Dieser ermöglicht ihm mehr Mobilität, die aufgrund von Multipler Sklerose stark eingeschränkt ist."

Merken Sie den Unterschied? Ich fokussiere somit ganz andere Aspekte. Ich hebe hervor, dass der Rollstuhl ein Hilfsmittel ist, das dem Nutzer mehr Selbstständigkeit und Mobilität ermöglicht. Ich nenne zwar trotzdem die Fakten (Rollstuhl, Multiple Sklerose), aber ich konzentriere mich auf die Aspekte, die auch der Lebensrealität der Person entsprechen. Denn nur weil jemand einen Rollstuhl nutzt, heißt es nicht automatisch, dass diese Person leidet.

Und wenn alle öffentlich Schreibenden dies tun würden, könnten wir dauerhaft sicher auch etwas dazu beitragen, wie Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft wahrgenommen werden.
 
Foto: Rollstuhlfahrerin, © SOZIALHELDEN e.V.
 
 

Man kann nicht "nicht kommunizieren".

Das stellte schon Sprachwissenschaftler Paul Watzlawick fest. Das gilt allerdings nicht nur für Worte, sondern auch für Bilder sowie Gestik und Mimik. Als Redakteurin arbeite ich beispielsweise regelmäßig mit einer Bilddatenbank, um News oder Artikel entsprechend zu bebildern. Vielen Fotos dort sieht man direkt an, welche Vorstellungen von Menschen mit Behinderung die Fotografen dabei im Kopf hatten.

Das stört mich schon lange. Im vergangenen Jahr nahm ich daher an einer Weiterbildung bei Lilian Masuhr von Leidmedien.de teil. Der rege Austausch schärfte meinen Blick besonders in Bezug auf Bildsprache noch zusätzlich. Seitdem achte ich zum Beispiel noch stärker darauf, dass Fotos auf Augenhöhe gemacht wurden und mehr die Person im Vordergrund steht als etwa der Rollstuhl oder die Beinprothese. Natürlich kommt es hierbei immer auch auf den Kontext an, in dem das Bild verwendet wird.

Meine Empfehlung: Hinterfragen Sie beim nächsten Text, beim nächsten Bild, das Sie erstellen und verwenden, welche Botschaft Sie damit eigentlich vermitteln. Und überdenken Sie dann gegebenenfalls Ihre Wahl noch einmal. Es spielt dabei übrigens keine Rolle, ob Sie sich mit dem Thema Behinderung befassen oder mit einem ganz anderen. Denn: Worte wirken – immer!
 
Übrigens: In unserem Bonner Büroräumen gibt es die sogenannte Bad Word Box. Sie sieht zwar harmlos aus. Aber um das Bewusstsein weiter zu schärfen und den Lerneffekt zu maximieren, muss jeder, der bestimmte Formulierungen in Bezug auf Menschen mit Behinderung wählt, dort einen kleinen Obolus einzahlen.
 
 
Fotonachweis: SOZIALHELDEN e.V.
Nadine Lormis

Nadine Lormis

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